Wann wird ein Tattoo zur Kunst – und was passiert, wenn es die Haut verlässt? Mit „Unter die Haut. Tattoos im Blick“ zeigten die Opelvillen Rüsselsheim von Ende April bis Mitte September 2026 Tattoos als Gegenstand einer Kunstausstellung. Die Schau ist inzwischen beendet. Unser Rückblick stützt sich auf veröffentlichte Berichte, nicht auf einen eigenen Besuch.
Eine abgeschlossene Schau
Die Ausstellung „Unter die Haut. Tattoos im Blick“ lief vom 30. April bis zum 13. September 2026 in der Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen in Rüsselsheim. Diese Laufzeit nennen sowohl die hessenschau als auch die Düsseldorfer Van der Grinten Galerie. Laut hessenschau war die Schau Teil des Programms der World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 und umfasste rund 120 Gemälde, Papierarbeiten, Skulpturen, Fotografien und Videos.
Den Ausgangspunkt bildete dem Bericht zufolge der Nachlass von Herbert Hoffmann (1919–2010), einem Pionier des Tätowierens und der Tattoo-Fotografie in Deutschland. Seine Schwarzweiß-Fotografien zeigen Tätowierungen als persönliche Zeugnisse einer Körperkultur, die lange im Verborgenen gelebt wurde. Die hessenschau ordnete die Schau in eine Entwicklung ein, in der Tattoos heute weitgehend akzeptiert sind. Genau diesen Wandel nahm die Ausstellung zum Anlass für die Frage, wann Tätowierung Kunst ist.
Unter den Beteiligten war auch die Künstlerin Ruth Marten. Das belegt eine Meldung ihrer Galerie. Welche Arbeiten von ihr in Rüsselsheim zu sehen waren, geht aus den uns vorliegenden Quellen allerdings nicht hervor. Deshalb beschreiben wir sie hier nicht.
Zwei künstlerische Ansätze
Die hessenschau stellte mehrere Positionen ausführlicher vor. Zwei davon zeigen besonders deutlich, wie unterschiedlich Tattoo-Kunst gedacht werden kann.
Michele Servadio: zurück zu Ritual und Heilung
Der 1986 in Italien geborene und in London lebende Künstler arbeitet laut Bericht mit Malerei, Fotografie und Performance. Sein Anliegen ist es, das Tätowieren auf seine Ursprünge zurückzuführen: auf Verbindungen zu Akupunktur, Heilung und Ritual. Gegenüber der hessenschau kritisierte er sinngemäß, dass ein Tattoo heute ein Produkt sei, das man kaufen könne. Man kann diese Haltung als Gegenentwurf zum schnellen Flash von der Wand lesen, der die Sitzung selbst als Handlung in den Mittelpunkt rückt.
Sarah Dubná: dieselbe Linie auf Haut, Leinwand und Wand
Die 1993 geborene, in Prag lebende Künstlerin ritzt abstrakte Linien in Haut, Leinwand und Wände. Ihre großformatigen Bilder hatten in der Ausstellung einen eigenen Raum. Ihre Ästhetik bleibe auf allen Oberflächen ähnlich, gab die hessenschau sie wieder. Für die Künstlerin ist eine bewusst gewählte Tätowierung ein emanzipatorischer, ermächtigender Akt, gerade in der queeren Szene: Man bestimme damit mit, wie man von der Gesellschaft gelesen werde. Ihr Ansatz zeigt, wie Linework als künstlerische Handschrift über den Körper hinausreichen kann.
Daneben beschrieb die hessenschau unter anderem Arbeiten des US-Künstlers und Tätowierers Duke Riley, der Zeichnungen in angespülte Plastikflaschen ritzt. Seine maritimen Motive erinnern an die Walfänger des 18. und 19. Jahrhunderts, die Walknochen verzierten – eine Verbindung zum nautischen Tattoo und zur Bildsprache des Old School.
Körper und Museum
Ein Tattoo ist normalerweise an einen Menschen gebunden. Es altert mit ihm, wird verdeckt oder gezeigt und verschwindet irgendwann mit ihm. Im Museum dagegen hängt es an der Wand, wird beleuchtet, beschriftet und von Fremden in Ruhe betrachtet. Die Ausstellung arbeitete laut Bericht genau mit diesem Spannungsfeld: Fotografien wie die von Herbert Hoffmann halten tätowierte Körper fest, Künstlerinnen wie Sarah Dubná übertragen ihre Linien von der Haut auf andere Träger, Duke Riley verlegt die Tradition der Seefahrer-Motive auf Fundstücke.
Was sich dabei verändert, lässt sich als Einordnung festhalten – das ist unsere Lesart, keine Aussage der Ausstellungsmacher: Im Museum tritt die persönliche Geschichte des Trägers oder der Trägerin zurück, Komposition, Schattierung und Handschrift treten hervor. Ein Tattoo wird so als Bild lesbar, unabhängig davon, wer es trägt. Zugleich verliert es etwas, das es am Körper ausmacht: die Bewegung, die Haut, die Entscheidung eines Menschen, es ein Leben lang zu tragen.
Einen spielerischen Brückenschlag gab es laut hessenschau ebenfalls: Die Opelvillen ließen abwaschbare Klebe-Tattoos mit Motiven aus der Ausstellung herstellen, die Besucherinnen und Besucher mitnehmen konnten. So wanderten die Bilder für kurze Zeit wieder zurück auf die Haut.
Fazit: Was bleibt?
„Unter die Haut“ ist vorbei, die Frage der Ausstellung bleibt. Die vorgestellten Positionen zeigen Tattoo-Kunst als Ritual, als persönliche Selbstbestimmung und als Bildsprache, die sich auf andere Materialien übertragen lässt. Wer sich weiter mit Stilen und Techniken beschäftigen möchte, findet Erklärungen im TattooPixx-Glossar. Künftige Ausstellungen, Conventions und Termine rund um Tattoo-Kultur sammeln wir im Eventkalender.
Quellen: hessenschau / Hessischer Rundfunk, Tattoos in den Opelvillen Rüsselsheim: Neue Ausstellung „Unter die Haut“, 30.04./01.05.2026; Van der Grinten Galerie, Ruth Marten in der Gruppenausstellung „Unter die Haut. Tattoos im Blick“, o. D.




