Ein Vorlagealbum, Fotos, Briefe, Tätowiergeräte: Was ein Tätowierer hinterlässt, erzählt oft mehr als die Anekdoten, die über ihn kursieren. Der Nachlass von Christian Warlich gehört zu den wichtigsten Quellen der Tattoo-Geschichte in Deutschland. Seit 2015 wird er wissenschaftlich erschlossen – und rückt die Christian Warlich Tattoo Geschichte vom Reich der Legenden in Richtung belegbarer Fakten.
Christian Warlich (1891–1964) gilt als einer der bedeutendsten Tätowierer des 20. Jahrhunderts. Die Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH) schreibt auf ihrer Projektseite „Der Nachlass Christian Warlich“, er sei international als „König der Tätowierer“ bekannt gewesen. Wer sich mit Hamburgs Tattoo-Historie beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei. Doch statt die bekannten Geschichten noch einmal zu erzählen, lohnt sich ein anderer Einstieg: der Blick auf das, was tatsächlich erhalten ist.
Das Archivobjekt: ein Album voller Vorlagen
Im Zentrum des Nachlasses steht ein Vorlagealbum, das die SHMH auf die Zeit um 1934 datiert. Es versammelt gezeichnete Motive, aus denen Kundinnen und Kunden wählen konnten – das Prinzip, das heute als Flash bekannt ist. Dieses Album wurde laut SHMH erstmals 1981 veröffentlicht und später in einer vollständigen Neuausgabe herausgegeben. Damit war es über Jahrzehnte eine der wenigen breit zugänglichen Quellen zu Warlichs Arbeit.
Ein Foto, das die SHMH auf ihrer Seite zeigt und das um 1936 entstanden sein soll, macht die Rolle des Albums anschaulich: Warlich präsentiert es in seiner Tattoo-Gaststätte in der Clemens-Schultz-Straße 44 auf St. Pauli und zeigt auf ein Motiv mit dem Titel „Der Ruin des Mannes“. Das Album war also kein privates Skizzenbuch, sondern ein Arbeitswerkzeug im Kundenkontakt. Neben dem Album nennt die SHMH weitere Vorlageblätter aus derselben Zeit, die sich teils in einer Hamburger Privatsammlung befinden.
Der Nachlass reicht aber weit über Papier hinaus. Laut SHMH umfasst er Vorlagenbücher, Zeichnungen, Tätowiergeräte, Fotografien, Korrespondenzen und Hautpräparate – also Tätowierungen, die Warlich entfernt hat. Der größte Teil liegt im Museum für Hamburgische Geschichte (MHG), ergänzt um Material aus externen Sammlungen. Gerade diese Mischung macht den Bestand für die Forschung wertvoll: Sie verbindet Bildwelten mit Technik, Geschäftspraxis und Körpergeschichte.
Person und Umfeld: Tätowieren als Gewerbe
Über Warlichs Leben im Detail sind die beiden hier ausgewerteten Quellen zurückhaltend. Gesichert ist laut SHMH, dass er seinem Handwerk rund ein halbes Jahrhundert nachging und als Protagonist einer Blütezeit des Tätowierens zu Beginn des 20. Jahrhunderts gilt. Fotos aus den 1930er-Jahren zeigen ihn mit Kunden sowie gemeinsam mit dem Tätowierer Karl Oergel. Wie genau sein Weg zum Tätowieren verlief, gehört zu den Fragen, die das Forschungsprojekt ausdrücklich klären wollte. Wo in populären Darstellungen von Seefahrt und Hafenleben die Rede ist, lohnt deshalb ein kritischer Blick auf die jeweilige Quelle.
Deutlicher wird ein anderes Bild: Warlich war Geschäftsmann. In dem vom SHMH-Journal im Mai 2019 veröffentlichten Interview „Auf ein Wort mit Ole Wittmann“ beschreibt der Kunsthistoriker Ole Wittmann, dass Warlich Tätowiermaterial an Interessierte und auch an Hautkliniken verkaufte. Er habe das Gewerbe professionalisiert – durch Vermarktung, durch Vorlageblätter und Werbekarten, durch ein fachkundiges Auftreten in einer ihm wohlgesinnten Presse und durch eine seriöse, bodenständige Art. Wittmann bezeichnet ihn deshalb als „Urvater der gewerblichen Tätowierung in Deutschland“.
Hier treffen Kunst- und Sozialgeschichte aufeinander. Dass ein Tätowierer zugleich Material an Hautkliniken lieferte und Tätowierungen entfernte, zeigt, wie eng Körperschmuck, Handwerk und Medizin damals miteinander verbunden sein konnten. Die SHMH nennt außerdem die Bedingungen der Tätowierpraxis im Nationalsozialismus als eigene Forschungsfrage. Antworten darauf liefern die beiden Quellen nicht – sie markieren die Frage aber als offen und wichtig.
Stil und Netzwerke: Hamburg im internationalen Austausch
Was Warlichs Arbeiten auszeichnet, beschreibt Wittmann im Interview vor allem über Qualität und eine eigene künstlerische Handschrift, die Tätowierer bis heute schätzen. Die SHMH wird etwas konkreter: Warlich habe nach handwerklichem Können und künstlerischem Anspruch gestrebt und anders als andere Hamburger Tätowierer seiner Zeit das Motivrepertoire erweitert – unter anderem mit Vorlagen aus der Populärkultur und der bildenden Kunst.
Bemerkenswert ist der Blick über Hamburg hinaus. Laut SHMH suchte Warlich den internationalen Austausch und ließ sich von asiatischen Formen und amerikanischen Motiven anregen. Die Projektseite zieht Parallelen zur US-amerikanischen, englischen und ostasiatischen Tätowierkunst. Welche Kontakte im Einzelnen bestanden, benennen die beiden Quellen nicht namentlich; die Klärung dieses Austauschs war eines der Projektziele. Fest steht: Warlich war kein isolierter Lokalheld, sondern Teil eines Netzwerks, in dem Bilder, Techniken und Material zirkulierten. Im Interview erwähnt Wittmann auch den Austausch mit Wissenschaftlern.
Das wirkt bis heute nach. Wittmann verweist darauf, dass vor allem Motive aus dem Vorlagealbum weiterhin als Vorlagen dienen; unter dem Hashtag #inspiredbywarlich fänden sich hunderte aktuelle Tattoos. Für Fans von Traditional und Old School ist Warlich damit eine historische Referenz. Wittmann ordnet zugleich ein: Tätowieren sei zunächst eine Technik, die meisten Tattoos eher Kunsthandwerk als bildende Kunst. Ob ein einzelnes Tattoo Kunst sei, hänge vom Kontext ab.
Die Erforschung des Nachlasses
Lange war der Nachlass weder umfassend erforscht noch öffentlich zugänglich. Das änderte sich mit einem Forschungsprojekt, das laut SHMH im Dezember 2015 begann: „Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich (1891–1964)“. Geleitet wurde es von Ole Wittmann in Kooperation mit dem MHG, gefördert von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Wittmann hat Kunstgeschichte studiert und an der Universität Hamburg promoviert.
Die SHMH nennt mehrere Ziele:
- das bisher nicht aufgearbeitete Material erfassen, katalogisieren und erforschen,
- weitere Bestände in Privatsammlungen und Menschen mit Warlich-Tätowierungen finden,
- neue Erkenntnisse zur Biografie gewinnen,
- den internationalen Austausch mit anderen Tätowierern klären,
- die Bedingungen der Tätowierpraxis im Nationalsozialismus untersuchen.
Methodisch verbindet das Projekt laut SHMH Geschichts-, Kultur- und Kunstwissenschaft. Im Sommersemester 2016 gab es zudem ein Seminar an der Universität Hamburg zur musealen Erschließung des Nachlasses. Auf der Projektseite verweist die SHMH auf mehrere Publikationen zum Nachlass und auf die Ausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“, die laut SHMH vom 26. November 2019 bis 24. Mai 2020 im Museum für Hamburgische Geschichte zu sehen war. Sie ist beendet; ob und wo Teile des Nachlasses aktuell gezeigt werden, erfährst du direkt beim Museum.
Bemerkenswert ist, dass der Nachlass auch Arbeiten anderer enthält. Die SHMH zeigt etwa Vorlagezeichnungen von Martin Ahlers aus den 1950er-Jahren. Ein Tattoo-Nachlass ist eben nie nur das Werk einer Person, sondern ein Ausschnitt aus einem ganzen Milieu – mit Kollegen, Kundschaft und Sammlern.
Fazit: Ein Nachlass als Gegenmittel zu Legenden
Christian Warlich ist Teil des Gründungsmythos der deutschen Tattoo-Szene. Gerade deshalb lohnt der Blick auf die Objekte: ein Vorlagealbum als Arbeitswerkzeug, Werbekarten, Material für Kliniken, Fotos aus der Gaststätte. Sie zeigen einen Handwerker und Geschäftsmann, der international vernetzt war und das Tätowieren in Deutschland professionalisierte. Viele Fragen sind noch offen – und das ist eine ehrliche Antwort auf eine Geschichte, die oft glatter erzählt wird, als die Quellen es hergeben. Wer heute ein Motiv im Geist der klassischen Vorlagen sucht, findet passende Artists im TattooPixx-Studioverzeichnis.
Quellen: Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH), Der Nachlass Christian Warlich, o. D.; SHMH Journal, Auf ein Wort mit Ole Wittmann (veröffentlichtes Interview), Mai 2019.




