Ein Nashorn, gezeichnet von einem Künstler, der das Tier nie gesehen hat – und rund 500 Jahre später als Tattoo auf menschlicher Haut. Wie eng Dürer, Tattoo und Kunst zusammenhängen, hat 2024 die Ausstellung „Dürer under your skin“ in Nürnberg gezeigt. Sie ist ein guter Ausgangspunkt, um zu verstehen, wie Artists alte Druckgrafik verwandeln und warum Menschen ausgerechnet Dürer unter der Haut tragen.
Ein Motivpaar: das Rhinozeros von 1515 und ein Tattoo von 2022
Unter den Pressefotos des Albrecht-Dürer-Hauses findet sich ein Paar, das das Prinzip auf den Punkt bringt: Dürers „Rhinocerus“ von 1515 und ein Tattoo, das der Artist LeonKa 2022 in Valencia danach gestochen hat. Andere Pressebilder zeigen weitere Paare – etwa „Die apokalyptischen Reiter“ (um 1497/98), 2012 in Paris von Maud Dardeau tätowiert, oder Dürers „Feldhase“ von 1502, 2023 in Nürnberg von Bea Hain umgesetzt.
Dürers Vorlage: ein Tier vom Hörensagen
Das Rhinozeros ist ein Holzschnitt mit gedrucktem Text. Laut British Museum kam das Tier am 20. Mai 1515 in Lissabon an; Dürer hat es nie selbst gesehen. Er arbeitete vermutlich nach der Beschreibung in einem portugiesischen Nachrichtenbrief, der mit einer Art Skizze nach Nürnberg gelangt war. Das Museum zählt das Blatt zu den einflussreichsten Bildern der westlichen Kunstgeschichte; vom Druckstock wurden sieben Auflagen gedruckt, die letzte erst nach 1620 in Amsterdam.
Genau diese Mischung macht das Motiv bis heute reizvoll: Es ist präzise in der Linienführung, aber zugleich ein Fantasiebild, gebaut aus Text, Hörensagen und Vorstellungskraft. Ein Druck war außerdem von Anfang an ein Bild zum Vervielfältigen.
Vom Papier auf die Haut: die Tattoo-Interpretation
Eine Druckgrafik lässt sich nicht einfach eins zu eins auf den Körper übertragen. Der Pressetext zur Ausstellung beschreibt, worauf es ankommt: Die flache Vorlage muss an die Rundungen des Körpers angepasst werden, oft vergrößert und um Details ergänzt. Und wie Druckerinnen und Drucker müssen Tätowierende mit der Spiegelung umgehen, die beim Übertragen eines Motivs entsteht.
Stilistisch knüpft vor allem der sogenannte Engraving-Stil an Dürer an. Laut Pressetext ahmt er seit etwa 2010 die schwarze Farbe und die Schraffuren von Kupferstichen und Holzschnitten nach; moderne Tattoomaschinen können verschiedene druckgrafische Werkzeuge imitieren. In unserem Glossar findest du diesen Ansatz unter Etching-Tattoo, verwandt mit Blackwork und präziser Linework. Der Essener Artist Ilja Hummel, dessen „Heiliger Georg zu Fuß“ zum Plakatmotiv der Ausstellung wurde, ordnet den Renaissance-Holzschnitt laut Pressetext als wichtigen Einfluss auf diesen Stil ein – vergleichbar mit dem japanischen Holzschnitt für andere Tattoo-Traditionen oder mit dem American Traditional.
Die Verwandtschaft liegt auch im Handwerk: In beiden Fällen wird ein Bild in ein Material geschnitten oder gestochen – in Metall, Holz oder eben Haut. Haut ist dabei allerdings deutlich empfindlicher und schwerer zu bearbeiten, hält der Pressetext fest.
Stimmen der Träger: warum Dürer?
Die Ausstellung war ausdrücklich partizipativ. Auf einen Aufruf hin schickten Tätowierte und Tätowierende aus aller Welt laut Albrecht-Dürer-Haus mehr als 300 Fotos und Statements; einige Tattoos entstanden eigens für das Projekt. Der Pressetext gibt einige dieser Stimmen in Kurzform wieder. Wir nennen die Tragenden hier bewusst ohne Namen:
- Eine Nürnbergerin, die in der Stadt aufwuchs, versteht ihren großflächig tätowierten Körper als Hommage an Dürer, dessen Werke sie tief berühren.
- Ein Nürnberger trägt Dürers Selbstbildnis zusammen mit dem Hasen auf der Brust – aus Liebe zur Kunst, zur Stadt und zu Tattoos.
- Ein Berliner ließ sich 2019 Sonne und Mond aus einem Holzschnitt der Apokalypse-Folge stechen, in einer Zeit, die für ihn zugleich schwierig und hoffnungsvoll war.
- Eine Trägerin wählte als erstes Dürer-Motiv einen Krebs und ließ ihn unterhalb ihrer Narben nach einer Brustkrebs-Operation platzieren.
Auch Artists kommen zu Wort. Ant The Elder aus London betont laut Pressetext, dass jedes Tattoo einzigartig für seinen Träger ist, während das Original in unzähligen Abzügen existiert. Joanna Dragomir aus Kopenhagen sieht das Tätowieren als moderne Neuinterpretation von Kupferstich und Radierung. So wird aus einem Massenmedium der Renaissance ein sehr persönliches Custom-Tattoo.
Kunst im Alltag: was die Ausstellung zeigte
„Dürer under your skin: Tattoo art“ lief von 12. April bis 13. Oktober 2024 im Albrecht-Dürer-Haus; ursprünglich war sie nur bis 1. September geplant und wurde verlängert. Die Ausstellung ist inzwischen beendet. Wichtig für die Einordnung: Nicht jede Einsendung wurde gezeigt. Laut Pressetext waren rund 250 Tattoos als Fotos zu sehen, knapp 100 an den Wänden und knapp 150 in Präsentationsmappen – nicht für alle der über 300 Einsendungen lagen die nötigen Einverständniserklärungen vor. Fotografieren war in der Ausstellung aus Gründen des Persönlichkeits- und Urheberrechts nicht erlaubt.
Wer nachblättern möchte: Zur Ausstellung erschien ein Begleitkatalog als Band 27 der Schriftenreihe der Museen der Stadt Nürnberg, vertrieben über den Michael Imhof Verlag, laut Museumsseite zum Preis von 16,95 Euro. Laut Pressetext bildet er rund 130 Tattoos ab. Den Katalog selbst haben wir für diesen Beitrag nicht eingesehen.
Fazit: Kunstgeschichte, die mitgeht
Dürers Druckgrafik war von Anfang an zum Verbreiten gemacht. Im Tattoo wird sie zum Unikat: angepasst an einen Körper, übersetzt von einem Artist und aufgeladen mit einer persönlichen Geschichte. Wenn du selbst ein Motiv nach einem historischen Werk planst, such dir jemanden, der Schraffur und Schattierung sicher beherrscht und die Vorlage eigenständig interpretiert. Passende Studios findest du im TattooPixx-Studioverzeichnis.
Quellen: Museen der Stadt Nürnberg / Albrecht-Dürer-Haus, Dürer under your skin, Ausstellung 12.04.–13.10.2024; Museen der Stadt Nürnberg, Pressematerial 2024: Dürer under your skin, 2024, und Pressetext zur Ausstellung, 11.04.2024; Museen der Stadt Nürnberg, Katalog Dürer under your skin. Tattoo Art, 2024; British Museum, Albrecht Dürer, The Rhinoceros (1515), Sammlungseintrag 1895,0122.714, o. D.




